Gesprächskreise

Literarischer Lese- und Gesprächskreis mit Dr. Wolfgang Keul

Hier finden Sie demnächst eine Zusammenstellung der Gesprächskreise, die unser Mitglied Dr. Wolfgang Keul im Laufe der vergangenen Jahre angeboten hat.

 

 

2020: Zeitgeschichte im Spiegel der Literatur

mit Dr. Wolfgang Keul (Aßlar), dem ver­sierten und engagierten Germanisten und Historiker sowie Liebhaber klassischer deutscher Literatur. Vorgestellt und diskutiert wurde „Zeitgeschichte im Spiegel der Literatur“, beginnend mit Theodor Fontanes Ballade »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« (1889) und Friedrich Christian Delius’ Erzählung »Die Birnen von Ribbeck« (1991). An einem der folgenden Termine wurde das Gedicht »Todesfuge« (1944/45 bzw. 1948) von Paul Celan behandelt.

2019: Moderne Texte / Zeitgeschichtliche Ereignisse

Dr. Wolfgang Keul rundete seinen langjährigen literarischen Lese- und Gesprächskreis in diesem Halbjahr mit einigen modernen Texten ab, insbesondere mit solchen, die zeitgeschichtliche Ereignisse in der Literatur spiegeln. Behandelt werden soll zunächst Stefan Heyms Roman »Der König David Bericht«.

2018: Novellen

Der literarische Lese- und Gesprächskreis wurde auch in diesem Halbjahr wieder in bewährter Weise von Dr. Wolfgang Keul mit dem Rahmenthema »Novellen« weitergeführt. Auf dem Programm der vier Termine standen Kleist: »Michael Kohl­haas«, Droste-Hülshoff: »Die Judenbuche«, Storm: »Der Schimmelreiter« und Hauptmann: »Bahnwärter Thiel«.

2017: Schachnovelle

Behandelt wurde Stefan Zweigs »Schachnovelle« (1942) und mit ihrer Verfilmung von 1960 verglichen.

2016: Fontane / Heine

Das Programm begann mit Theodor Fontanes Roman »Stine« sowie Heinrich Heines Versepos »Deutschland. Ein Wintermärchen«.

Jasmin Behrouzi-Rühl: Kulturgeschichte des Spazierstocks

Phantastische Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20.

Vortrag von Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl (Bad Nauheim):

Kulturgeschichte des Spazierstocks

„Die Feder ist dem Denken was der Stock dem Gehen“ – Arthur Schopenhauer hat mit diesem Verdikt ein schönes Bild für das Denken gegeben. Aber dem Stock wird er damit nicht gerecht, denn der Spazierstock war ein unerlässliches Werkzeug für das Flanieren des Bürgers seit dem Biedermeier. Auch Arthur Schopenhauer, der 30 Jahre hindurch Frankfurt durchstreift hat, tat das nie ohne seinen Spazierstock. Der Lichtbildervortrag beleuchtet die Kulturgeschichte des Spazierstockes und seine Verwendung. Schopenhauers Spazierstock wird ebenso zu sehen sein, wie der von Christoph Martin Wieland und eine Reihe anderer, besonderer Stöcke.

  

Arthur Schopenhauer mit seinem Pudel „Butz“ und Spazierstock (1870). –  Zeichnung von Wilhelm Busch (1832-1908)

Die große Zeit der Spazier- und Flanierstöcke begann im Biedermeier, allgegenwärtig waren sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Wenn das Herrchen von Bauschan in Thomas Manns kleiner Erzählung „Herr und Hund“ zum „städtischen Stock“ greift, weiß Bauschan, dass für diesmal alles verloren ist und dass es kein Jagen in Wald und Feld für ihn mit seinem Herrn geben wird.

Dabei konnte und kann kein Hund die Kunstfertigkeit ermessen, die bei der Formgebung, Gestaltung und Produktion von Spazierstöcken notwendig war und aufgewendet worden ist. Leider wissen das heute auch nur noch wenige Menschen, denn die Zeit der Spazierstöcke endete zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seither sind es die Sammler und die Museen, die sie als Kulturgut bewahren.

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Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl studierte in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Von 2000 bis 2005 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Flurnamenarchiv der Justus-Liebig-Universität Gießen und unterrichtete mittelalterliche Sprache und Literatur. Seit dem 1. März 2018 ist sie Direktionsassistentin im Freien Deutschen Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum.

Die Veranstaltung findet statt am Montag, den 15. Juni 2026 um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20.

Wolfgang Keul:  „Ich wollte dir ein Liebeslied schreiben …“

Phantastische Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20

Dr. Wolfgang Keul (Aßlar): 

„Ich wollte dir ein Liebeslied schreiben …“ – Zweiter Streifzug durch die deutschsprachige Liebeslyrik

 Vortrag mit Rezitationen

Ernst ist der Frühling, seine Träume

Sind traurig, jede Blume schaut

Von Schmerz bewegt, es bebt geheime

Wehmut im Nachtigallenlaut.

Heinrich Heine (1797–1856): Neue Gedichte

 

Wie bei Heinrich Heine schwingen auch die Gedichte der kleinen Reihe zu Motiven deutschsprachiger Liebeslyrik zwischen Beglückung und Kummer. Widmete der erste Vortrag sich im April 2025 den Texten, in denen Dichterinnen und Dichter eigenes Erleben künstlerisch gestalteten, möchte dieser zweite Vortrag an vier Beispielen aus unterschiedlichen Epochen zeigen, wie Frauen poetisch gesehen und geschildert werden: als unerreichbares Idealbild, Sexualobjekt, „femme fatale“ und selbstbestimmte Partnerin.

„Die höfische Gesellschaft des Hochmittelalters legte adligen Damen durch einen strikten Verhaltenskodex restriktive Zwänge auf. Walther von der Vogelweide umging diese Normen provokant; sein Minnelied dürfte als befremdend, wenn nicht schockierend empfunden worden sein. Ein berühmtes Gedicht des jungen Johann Wolfgang Goethe offenbart einen überaus bedenklichen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, den jedoch der sprachliche Zauber nachhaltig zu kaschieren vermag. In einem Couplet aus dem Film ‚Zu neuen Ufern‘ (1937) verkörperte Zarah Leander eine Halbweltdame von anrüchiger Moral, die allerdings, schaut man näher hin, systemkonform der NS-Ideologie verpflichtet ist. Ulla Hahn schließlich zeigt einen Weg auf, wie eine moderne Frau auch ohne feministischen Furor zu einer partnerschaftlichen, erfüllten Liebesbeziehung findet.“ (W. Keul)

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Wolfgang Keul stammt aus Aßlar. An der Goetheschule Wetzlar legte er sein Abitur ab und studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen Germanistik und Geschichte. Er unterrichtete seine Studienfächer an der Goetheschule Wetzlar und bekleidete dort eine Funktion in der Schulleitung. Seit seiner Pensionierung arbeitet er nun an literaturwissenschaftlichen Publikationen.

Die Veranstaltung findet statt am Montag, den 11. Mai 2026 um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20

Hannes Höfer: Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und der zeitgenössische Unterhaltungsroman

Phantastische Bibliothek, Turmstraße 20, Wetzlar

Vortrag von Dr. Hannes Höfer (Jena):
Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und der zeitgenössische Unterhaltungsroman

 © Foto H.-P.Haack – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz (Wikipedia, 01_2026)

Schon die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen stellten fest, dass mit „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) literaturgeschichtlich etwas Neues begann. Der Roman erzählte die Entwicklung eines einfachen Bürgers in bisher nicht dagewesener Schlüssigkeit und wurde so zum Gründungsdokument dessen, was die nachfolgende Literaturgeschichtsschreibung den Bildungsroman nannte. Doch der Roman war ebenfalls ein Kind seiner Zeit: Spektakuläre Überfälle durch Räuber, im Verborgenen wirkende Geheimbünde oder verwickelte Liebesabenteuer waren gut etablierte Handlungselemente des Unterhaltungsromans am Ende des 18. Jahrhunderts. Wie Goethe diese Tradition für seinen Roman nutzte, soll im Vergleich mit einigen der damals vielgelesenen Räuber-, Geheimbund- und anderen Unterhaltungsromanen gezeigt werden.

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Dr. Hannes Höfer ist Geschäftsführer der Goethe-Gesellschaft in Weimar. Zuletzt publizierte er über Goethe und das Satirische, in: Goethe-Jahrbuch 2024 (2025), sowie zusammen mit Marc Grohall und Stefan Matuschek: Literatur um 1800. Reclam Kompaktwissen XL, 2026.

Die Veranstaltung findet statt im Anschluss an die Jahreshauptversammlung unserer Goethe-Gesellschaft am Montag, den 20. April 2026 um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20.

Jahreshauptversammlung für das Geschäftsjahr 2025

Phantastische Bibliothek, Turmstraße 20, Wetzlar

Jahreshauptversammlung für das Geschäftsjahr 2025

Tagesordnung:

  1. Bericht des Vorsitzenden
  2. Bericht der Schatzmeisterin und der Kassenprüfer
  3. Nachwahl eines Kassenprüfers
  4. Anträge
  •        Anträge zur Beschlussfassung in der Jahreshauptversammlung sind bis spätestens 23.02.2026 beim Vorstand einzureichen.
  1. Anfragen und Verschiedenes

Diese Ankündigung gilt als satzungsgemäße Einladung, da die vorliegende Programmübersicht an alle Mitglieder verschickt wird.

Die Jahreshauptversammlung findet statt am Montag, den 20. April 2026 um 19.00 Uhr in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20.

Olaf L. Müller: Goethes und Johann Ritters Reise ins Ultraviolette

Werner-von-Siemens-Schule, Dammstraße 62, 35576 Wetzlar

 

Vortrag von Prof Dr. Olaf L. Müller (Berlin): 

Johann Wolfgang von Goethes und Johann Ritters gemeinsame Reise ins Ultraviolette

Im Mai 1792 hätte Goethe mit seinen geliebten Leuchtsteinen fast das UV-Licht entdeckt. Als Johann Ritter im Februar 1801 endlich auch so weit war – und zwar anstelle der Leuchtsteine mit einer photochemischen Substanz namens Hornsilber – tauschten sich der romantische Physiker und der Weimarer Klassiker über ihre Erkenntnisse aus. Kurz darauf vollzog Ritter den Schritt, den Goethe ursprünglich verpasst hatte. Ritter jubelte: „Dieser Versuch sieht einem Zauber ähnlich, indem hier Finsterniß selbst Licht zu erzeugen scheint.“

In unserem Vortrag wird die nobelpreisverdächtige Pioniertat gefeiert, die Goethe und Ritter vor über 225 Jahren vollbrachten. Es handelt sich um eine beispiellose Kooperation des umstrittenen Farbenlehrers Goethe mit einem jungen Genie der romantischen Physik. Sie wirft die bis heute spannende Frage auf, was geschehen wäre, wenn die beiden Forschungspersönlichkeiten in den Folgejahren weiter kooperiert hätten.

Johann Wilhelm Ritter (1776–1810). Zeitgenössische Darstellung eines anonymen Künstler (Aus: Klaus Günzel, Die deutschen Romantiker, Zürich 1995 / Wikipedia)

Olaf L. Müller (www.farbenstreit.de) ist Professor für Naturphilosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Seit Jahren versucht er, Goethes Farbenlehre aus physikalischer Perspektive so stark zu machen wie möglich (Mehr Licht, Fischer Verlag 2015). In einem jüngst erschienenen Buch erzählt er die Erfolgsgeschichte der wissenschaftlichen Kooperation zwischen dem jungen genialischen Johann Ritter und dem damals alles andere als arrivierten Goethe (Ultraviolett, Wallstein Verlag 2021, Schriften der Goethe-Gesellschaft Weimar, Band 80). Zudem ist Müller Mitherausgeber eines Sammelbandes über die Forschungsmethode, derer sich Goethe und Ritter bedienten (Goethe, Ritter und die Polarität, Mentis Verlag 2021).

Die Veranstaltung findet am Dienstag, den 17. März 2026 um 16.00 Uhr in der Werner-von-Siemens-Schule, Dammstraße 62, 35576 Wetzlar statt.

 

Grußwort unseres Vorsitzenden zum Jahresbeginn 2026

„Ei, bin ich denn darum achtzig Jahre alt geworden, daß ich immer dasselbe denken soll?  Ich strebe vielmehr täglich etwas Anderes, Neues zu denken, um nicht langweilig zu werden. Man muß sich immerfort verändern, erneuen, verjüngen, um nicht zu verstocken.“

(Goethes Gespräch mit Friedrich von Müller, 24. April 1830)

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Liebe Goethe-Freundinnen, liebe Goethe-Freunde,

Goethes eigener Anspruch, sich stets zu verändern und Neues zu denken, begleitet unser Programm im ersten Halbjahr 2026. Zur Neujahrsmatinee begegnen wir Goethes Märchen „Der neue Paris“ in einer besonderen Form: als Papiertheater. In dem von der Stadt Wetzlar ausgerufenen Jahr der Optik 2026 richten wir den Blick auf Goethes Arbeit im Bereich Optik und Farben, insbesondere auf die Entdeckung des UV-Lichts; erstmalig ist unser Veranstaltungsort das Atrium der Werner-von-Siemens-Schule, die als Schule mit technischem Profil den passenden Rahmen bietet, um über Goethes Denken an der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Philosophie zu hören.

Im weiteren Verlauf wenden wir uns Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu, gelesen als überraschend moderner Unterhaltungsroman. Ein Abstecher in die Liebeslyrik aus weiblicher Sicht öffnet uns eine neue Perspektive, bevor wir zum Sommer hin den Blick ins Freie wenden und von der Kulturgeschichte des Spazierstocks erfahren.

Wir hoffen, für alle Goethe- und Literaturinteressierten sind anregende Angebote dabei, und laden Sie herzlich ein, gemeinsam mit uns zu entdecken, wie sehr Goethe auch heute noch zur Erneuerung des Denkens anregt.

Im Namen des Vorstands und des Beirats
Oliver Meyer-Ellendt, Erster Vorsitzender

 

 

Nach unserer Veranstaltung über die Faust-Vertonung des Fürsten Radziwiłł anlässlich Goethes Geburtstags am 28. August 2025 konnte die geplante Wiederholung der Aufführung in Gießen leider nicht stattfinden. Sobald Ort und Datum dieses Ersatztermins feststehen, informieren wir Sie gern per E-Mail.

Überhaupt möchten wir Sie bei kurzfristigen Programmänderungen künftig schnell erreichen und auch frühzeitig auf geplante Reisen und Ausflüge hinweisen. Daher laden wir Sie herzlich ein, sich in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen zu lassen. Schreiben Sie bei Interesse bitte eine kurze Mail an: vorstand@wetzlarer-goethe-gesellschaft.de.

 

Weimar-Reise 2025

ür ein paar Tage war Weimar fest in Wetzlarer Hand: 39 Mitglieder der Goethe-Gesellschaft fuhren im Gimmler-Bus in die Klassiker-Stadt. Reiseleiter Dieter Lehnhardt kündigte ein straffes und abwechslungsreiches Programm an: „Es geht vom Gartenhaus im Park an der Ilm über Goethes Wohnhaus am Frauenplan bis ins Nationalmuseum.“ Spätabends fuhr die Gruppe noch zum „Theater im Gewölbe“ im Cranach-Haus am Marktplatz, wo der nächste große Dichter auf dem Programm der Kleinkunstbühne stand: Christoph Martin Wieland.

Dazu passend folgte am zweiten Tag der Besuch des Wieland-Guts in Oßmannstedt, das alle Mitfahrenden begeisterte. Weil das Verhältnis zwischen Wieland und Goethe äußerst spannend ist, wird sich auch der nächste Referent der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft am 27. Oktober um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek dem Verhältnis dieser beiden Dichter widmen: Klaus Manger spricht über Christoph Martin Wieland und Goethe.

Gäste sind herzlich willkommen!

Zum Abschluss der zweitägigen Fahrt übergab der Vorsitzende, Oliver Meyer-Ellendt, Reiseleiter Lehnhardt als augenzwinkerndes Dankeschön zwei gewaltige, rote Backhandschuhe, sinnig bestickt mit „Faust I“ und „Faust II“. Meyer-Ellendts Fazit lautete: „Diese Reise bot Kultur satt, machte viel Spaß und große Lust auf die nächste Tour.“

   

       

Foto: Wetzlarer Goethe-Gesellschaft / privat (Zum Vergrößern anklicken.)

Den Bericht unseres Mitglieds Dagmar Thum finden Sie unter diesem Link: 2025 Weimarreise Thum.

Über die „Compositionen zu Goethes Faust“ des Fürsten Antoni Henryk Radziwiłł

Zwei Vereine – eine Idee

von Bernd Kemter

Es mutet wie ein Wunder an und ist schon recht merkwürdig. Zu gleicher Zeit und unabhängig voneinander wurde in den beiden Goethe-Gesellschaften Wetzlar und Gera dieselbe Idee geboren: eine Aufführung der „Compositionen zu Goethes Faust“ des Fürsten Antoni Henryk Radziwiłł (* 1775 in Wilna; † 1833 in Berlin). Dieser polnisch-litauische und preußische Politiker und Großgrundbesitzer gilt als Verfechter einer deutsch-polnischen Annäherung, was ganz im Sinne heutigen europäischen Zusammenwachsens liegt. Er war aber auch ein begabter Musiker und Komponist, sang gern und spielte virtuos das Cello. Goethe, der Vertonungen seiner Werke stets skeptisch gegenüberstand, versagte der klingenden Faust-Adaption keineswegs seine Anerkennung, er hatte dem Fürsten zuvor höchstpersönlich noch einige Skizzen geschickt.

Die Uraufführung fand am 24. Mai 1820 in Gegenwart des versammelten preußischen Hofes in Berlin statt. Am 7. Juni gab es eine Wiederholung im Schloss Monbijou. Nun zog sich die Sache hin. Erst 1830 fügte der Fürst seinem Werk drei neue Szenen hinzu: den Spaziergang mit Wagner, die Gartenszene und die Kirchenszene. So geriet der „Faust“ sowohl bei seinem literarischen als auch seinem musikalischen Schöpfer zum Lebenswerk. „Der edle Komponist“, schreibt Zelter am 11. März 1832, „hat sich Jahre hindurch so in das Werk seines Dichters versponnen wie ein Seidenwurm; jeder Faden hält ihn fest.“ Später erschien das ganze Werk in Partitur und Klavierauszug bei Trautwein in Berlin.

Doch zurück zu unseren Vereinen. Wetzlar hat inzwischen die Nase vorn. „Uns glücklich mit fortreissende Composition“ – mit diesem Zitat des großen Dichters war der Abend der Wetzlarer Gesellschaft anlässlich des 276. Geburtstages des Universalgenies überschrieben. Nun rückte der „Faust“ in der Vertonung des Fürsten in den Vordergrund. Das Gesprächskonzert mit Nicole Tamburro (Sopran), Hermann Wilhelmi (Klavier und Moderation), Angelika von Kittlitz (Deklamation) und Yejun An (Cello) fand im Stadt- und Industriemuseum statt.

Unterstützt wurde es vom Kulturfonds Gießen-Wetzlar und dem Kulturförderring Wetzlar. Dessen Vorsitzender Boris Rupp überreichte im Vorfeld den Vertretern der Goethe-Gesellschaft, dem Vorsitzenden Oliver Meyer-Ellendt, seinem Stellvertreter Dieter Lehnhardt und der ehemaligen Vorsitzenden, Angelika Kunkel, einen Spendenscheck zur Unterstützung des Projekts.
„Unser Radziwiłł ist sehr gut gelaufen, auch wenn wir im Vorfeld wegen einiger erkrankter Akteure ziemlich ins Schwitzen geraten sind. Aber am Ende hat es sich gelohnt, die Resonanz war sehr positiv“, schätzt Oliver Meyer-Ellendt, ein.

„Eine Woche vor unserer Aufführung bekamen wir eine Mail von einem Musikwissenschaftler, Herrn Meder, der derzeit an seiner Dissertation zum Thema Radziwiłł und der Faust-,Composition‘ arbeitet (Hochschule für Musik und Theater Rostock, Betreuerin Friederike Wißmann). Er besuchte dann tatsächlich unsere Aufführung, und da unser Moderator am Anfang des Gesprächskonzerts gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe war, hat Herr Meder sogar freundlicherweise die einführenden Worte übernommen. Glück muss man haben.“ Eine zweite Aufführung findet am Samstag, 8. November, um 19 Uhr, im Konzertsaal des Rathauses Gießen statt.

Wir, die Geraer, stehen indes noch in den Startlöchern. Die ganz große Besetzung bleibt auch für unseren kleinen Verein ausgeschlossen, wir bemühen uns wie die Wetzlarer um ein kleineres Format, das zudem unseren finanziellen Möglichkeiten entspricht. Inzwischen haben wir vier Sänger und Sängerinnen, einen Pianisten und einen Cellisten für das Projekt gewinnen können. Weitere Überlegungen stehen an, insbesondere denken wir, dem Beispiel Wetzlars folgend, über die Themen Deklamation und Moderation nach, was ebenfalls auf ein „Gesprächskonzert“ hinauslaufen dürfte. Die Proben beginnen im Januar, die Aufführung soll am 3. Mai 2026 anlässlich unseres 20. Jubiläums erfolgen. Fördermittel sind beantragt, die Stadt Gera stellt uns unentgeltlich den Ratssaal zur Verfügung.

Gerne würden wir uns auch weiterhin mit diesem künstlerisch begabten Fürsten beschäftigen. Neugier wecken zum Beispiel seine Komposition „Complainte de Maria Stuart“ sowie seine Lieder, darunter Gesänge mit Gitarren- und Cello-Begleitung. Der komponierende Fürst blieb seinerzeit keineswegs unbeachtet. Ludwig van Beethoven widmete ihm die Große Ouvertüre C-Dur, op. 115, die großartige und ihrerzeit hochberühmte Pianistin Maria Szymanowska die Serenade für Klavier mit Cellobegleitung, Fryderyk Chopin das Trio für Klavier, Violine und Cello g-Moll, op. 8.

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Text mit Bildern siehe hier: 2025 Blog

Wetzlarer Goethe-Gesellschaft auf Tour

Für ein paar Tage war Weimar fest in Wetzlarer Hand: 39 Mitglieder der Goethe-Gesellschaft fuhren im Gimmler-Bus in die Klassiker-Stadt. Reiseleiter Dieter Lehnhardt kündigte ein straffes und abwechslungsreiches Programm an: „Es geht vom Gartenhaus im Park an der Ilm über Goethes Wohnhaus am Frauenplan bis ins Nationalmuseum.“ Spätabends fuhr die Gruppe noch zum „Theater im Gewölbe“ im Cranach-Haus am Marktplatz, wo der nächste große Dichter auf dem Programm der Kleinkunstbühne stand: Christoph Martin Wieland.

Dazu passend folgte am zweiten Tag der Besuch des Wieland-Guts in Oßmannstedt, das alle Mitfahrenden begeisterte. Weil das Verhältnis zwischen Wieland und Goethe äußerst spannend ist, wird sich auch der nächste Referent der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft am 27. Oktober um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek dem Verhältnis dieser beiden Dichter widmen: Klaus Manger spricht über Christoph Martin Wieland und Goethe.

Gäste sind herzlich willkommen!

Zum Abschluss der zweitägigen Fahrt übergab der Vorsitzende, Oliver Meyer-Ellendt, Reiseleiter Lehnhardt als augenzwinkerndes Dankeschön zwei gewaltige, rote Backhandschuhe, sinnig bestickt mit „Faust I“ und „Faust II“. Meyer-Ellendts Fazit lautete: „Diese Reise bot Kultur satt, machte viel Spaß und große Lust auf die nächste Tour.“

   

       

Foto: Wetzlarer Goethe-Gesellschaft / privat (Zum Vergrößern anklicken.)

Den Bericht unseres Mitglieds Dagmar Thum finden Sie unter diesem Link: 2025 Weimarreise Thum.