Presse-Echo

13.03.2015

Gießener Literaturwissenschaftler Manfred Wenzel legt bislang nicht zugänglichen Bericht über Jerusalem-Selbstmord vor

Von Stephan Scholz 

GIESSEN/WETZLAR – 30. Oktober 1772. Mit einem Pistolenschuss nimmt sich der junge Carl Wilhelm Jerusalem in Wetzlar das Leben. Johann Wolfgang Goethe hat dieses Geschehen in seinem 1774 erschienenen großen literarischen Durchbruch „Die Leiden des jungen Werthers“ verarbeitet. Wichtige Vorlage für den Schriftsteller war ein Bericht seines Freundes Johann Christian Kestner über die Umstände von Jerusalems Tod, der über 160 Jahre nicht mehr im Original zugänglich war. Das ändert sich jetzt: der Gießener Literaturwissenschaftler Dr. Manfred Wenzel hat den Text in Hannover aufgespürt, um ihn noch in diesem Monat zusammen mit den Wetzlarer Museen zu veröffentlichen. Nicht nur für Literaturfreunde eine Sensation.

„Mir war immer bekannt, dass sich der Kestner-Nachlass im Stadtarchiv Hannover befindet“, berichtet Wenzel im Gespräch mit dem Anzeiger. Allerdings sei das Material über lange Zeit nicht zugänglich gewesen. Im Lauf der Jahrzehnte sei der Bericht über den Selbstmord in verschiedenen Publikationen aufgetaucht, zumeist ohne allerdings auf dem Original zu beruhen. Deshalb hat es gerade für die Goethe-Forschung besondere Bedeutung, dass Wenzel und die Wetzlarer Museen jetzt endlich den Originaltext zugänglich machen. Er erscheint am 21. März in einer Publikation mit dem Titel „…kein Geistlicher hat ihn begleitet. Dokumente aus dem Nachlass von Johann Christian Kestner über den Selbstmord Carl Wilhelm Jerusalems am 30. Oktober 1772 in Wetzlar“.

Der Clou an dem Band: Neben einem Transkript des Textes, aus dem Goethe teilweise Passagen wörtlich übernommen hat, umfasst das im Michael Imhof Verlag erscheinende Bändchen auch die Handschrift Kestners.

Goethe selbst hat dem Bericht im 13. Buch seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ größte Bedeutung für den „Werther“ gegeben: „Auf einmal erfahre ich die Nachricht von Jerusalems Tode, und, unmittelbar nach dem allgemeinen Gerüchte, sogleich die genaueste und umständlichste Beschreibung des Vorgangs, und in diesem Augenblick war der Plan zu Werthern gefunden.“

Mit der „Beschreibung“ ist Kestners Bericht gemeint, der unmittelbar den Werther-Roman angestoßen haben soll. Wenzel hat daran seine Zweifel, denn nachdem Goethe Kestners Text im November 1772 erhalten hatte, gab es zunächst keinerlei Hinweise, dass eine literarische Bearbeitung geplant ist. Erst im Februar 1774 begann der Frankfurter, an den „Leiden des jungen Werthers“ zu arbeiten, um sich dann allerdings teils eng an die Ausführungen seines Freundes zu halten. Passagen wie etwa „kein Geistlicher hat ihn begleitet“ beim Trauerzug für den verstorbenen Werther hat Goethe eins zu eins von Kestner übernommen. Kurzum, der Bericht des Freundes, ab 1773 übrigens Ehemann der einst vom späteren Dichterfürsten angebeteten und ebenfalls für den „Werther“ vorbildhaften Charlotte Buff, hat quasi wichtige Vorarbeit für Goethe geleistet.

Wenzels erste Aufgabe nach Erhalt des Materials war das Ordnen der Seiten des Textes, der bislang ungeordnet vorlag. Darüber hinaus hat der Wissenschaftler von Kestner vorgenommene Überarbeitungen in den Textfluss eingeordnet, sodass Literaturfreunden und Forschern das Gesamtwerk jetzt authentisch und in einem durchgehenden Textfluss zur Verfügung steht. Daneben finden sich eine einordnende Einleitung, kommentierende Anmerkungen und eine Zeittafel aus Wenzelscher Feder. Dass es sich bei dieser Veröffentlichung um eine Sensation handelt, betont auch Museumsleiterin Dr. Anja Eichler auf Anzeiger-Nachfrage.

„Die Handschrift ist ein sensationeller Fund und von höchster Bedeutung für die Werther-Forschung, da er eng mit der Entstehungsgeschichte von Goethes Roman in Verbindung steht“, so die Leiterin. Sie verweist darauf, dass die städtischen Museen natürlich die Aufgabe hätten, das kulturelle Erbe der Stadt lebendig zu halten, wozu diese Publikation maßgeblich beitrage.

Zu erhalten sein wird der Band, zu dessen Finanzierung die Stadt beiträgt, im Lotte- und Jerusalemhaus. Offiziell vorgestellt wird er am 21. März um 15 Uhr im Stadt- und Industriemuseum. Auf Einladung der städtischen Museen und der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft wird Wenzel Kestners Bericht und die Zusammenhänge mit Goethes Briefroman im Rahmen eines Vortrags erläutern. Nicht nur Literaturfreunde sollten sich diesen Termin in keinem Fall entgehen lassen.

05. Februar 2013:

„Mein Werther – Dein Werther – Unser Werther“

Mein Werther – Dein Werther – Unser Werther

Klicken Sie auf die Abbildung, um sie zu vergrößern.

Mein Werther - FR

Klicken Sie auf die Abbildung, um sie zu vergrößern.

Den vollständigen Bericht der Frankfurter Rundschau vom 6. Februar finden Sie hier: http://www.fr-online.de/literatur/werther-ausstellung-im-goethehaus-frankfurt-mit-lottchen-im-elysium,1472266,21648574.html


Goethe als Menschen im Blick

Marlies Obier stellt Buch vor

Von Stephan Scholz

Wetzlar. Ganz klar: Es gibt kaum einen deutschen Literaten, der in den Bibliotheken so viele Regalmeter füllt wie Goethe. Unzählige Biografien, Fachbücher und Werkausgaben – kann ein neues Buch diesem geballten Wissen noch etwas hinzufügen? Ja, es kann!

Und zwar dann, wenn es zum Beispiel aus der Feder der Siegener Künstlerin und Wissenschaftlerin Dr. Marlies Obier stammt. Auf Einladung der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft war die Autorin am Montagabend in die alte Aula der Lotteschule gekommen, um aus ihrem aktuellen Buch „… und ich bin Goethe“ zu lesen. Gut 30 Zuhörer kamen zu dem etwa einstündigen Vortrag.

Am Ende der Lesung, in deren Verlauf Obier aus zwei Kapiteln ihres Werks rezitierte, gab es kräftigen Applaus für die Literaturwissenschaftlerin, die seit 1999 auch als Künstlerin arbeitet.
Und es ist genau dieser künstlerische Ansatz, der das Buch der Siegenerin zum Vergnügen macht, denn mit ihrer Sprachkunst beweist sie nichts weniger, als dass sich das Genre Autorenbiografie und Lesespaß nicht gegenseitig ausschließen müssen. Im Gegenteil: „und ich bin Goethe“ strotzt vor lebendiger Frische, die mit dem klassischen „Bücherstaub“ nichts zu tun hat.
Das liegt nicht nur an Marlies Obiers exzellenter Sprachbehandlung, sondern auch daran, dass sie Goethe vom Sockel holt und ihn als Menschen erlebbar macht.“ …


Neujahrskonzert der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft lockt 150 Besucher in die Musikschule

Wetzlar (kjf). „Das Leben war dem jungen Goethe ein großer Spaß.“ Mit dieser Erkenntnis aus dem Buch „… und ich bin Goethe“ von Marlies Obier begann Manfred Wenzel, Vorsitzender der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft, den ersten Textbeitrag. Damit machte er den 150 Besuchern des Neujahrskonzerts zugleich Appetit auf die nächste Veranstaltung.
Die Goethe-Gesellschaft hatte zur musikalisch-literarischen Matinee in die Wetzlarer Musikschule geladen, da der angestammte Veranstaltungsort im Stadthaus am Dom weiter wegen Einsturzgefahr geschlossen ist.

Appetit machen aufs nächste Mal

Das Asyl erwies sich als atmosphärischer Gewinn für die Goethe-Verehrer. Zunächst hatte der Gesangverein „Cäcilia“ Nauborn unter der Leitung von Jochen Stankewitz im Konzertsaal den Neujahrsempfang eröffnet. Neben „An den Mond“, der Vertonung eines Goethe-Gedichts durch Ludwig Erk, hatte der bekannte heimische Chor romantisches und klassisches Liedgut für den Abend einstudiert.

Nach dem Ausschnitt aus dem Buch von Marlies Obier sang zunächst wieder die „Cäcilia“, bevor Wenzel mit einem Ausschnitt aus „Wohin es geht“ eine Kostprobe von der Märzveranstaltung, an der Werner Völker sein neues Goethe-Buch vorstellen wird, gab.

Dr. Manfred Wenzel (links) und der Gesangsverein "Cäcilia" Nauborn | Foto: Frahm
Dr. Manfred Wenzel (links) und der Gesangsverein „Cäcilia“ Nauborn | Foto: Frahm

„Wanderers Nachtlied“ in der Vertonung von Willy Giesen durfte als bekanntestes Gedicht Goethes natürlich nicht fehlen, scherzhaft bat Stankewitz das Publikum allerdings um Verzeihung dafür, dass der Chor auch Lieder anderer Dichter im Programm hatte.
Mit der Lesung eines Briefs von Albert Schweitzer an Elsie Leitz-Kühn aus dem Jahr 1962 schloss Wenzel den Reigen der Appetithappen. Mit „Abend wird es wieder“ von Hoffmann von Fallersleben endete die Veranstaltung und die Besucher blieben danach noch zum Sektempfang zusammen.
Copyright © mittelhessen.de 2011 (WNZ)


Den „Werther“ auf Urdu lesen

Stadtbibliothek sammelt Übersetzungen

Wetzlar (hrp). Ein Deutschkurs für Fortgeschrittene an der Volkshochschule Wetzlar hat den Stein ins Rollen gebracht: Nun wird in der Stadtbibliothek eine Spezialabteilung aufgebaut, die aIle Übersetzungen von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ umfassen solI. Bisher stehen dort nur elf Exemplare. Auslöser der der Initiative war unter anderem der Besuch der VHS-Schüler, geführt von Katharina Lehnert-Raabe, im Lotte-Haus. Besonders der Ausstelungsraum mit den Werther-Übersetzungen habe bleibenden Eindruck hinterlassen. „Alle haben die Übersetzung in ihrer Muttersprache gesucht“, erzählt Lehnert-Raabe und ergänzt: „Es war ein sehr bewegender Moment, als eine Kursteilnehmerin aus Pakistan aus einer Übersetzung auf Urdu vorgelesen hat.“

Klicken Sie auf den Zeitungsausschnitt, um ihn zu vergrößern:

"Werther" auf Urdu lesen

Zum Vortrag von Angela Steidele in Wetzlar:

steidele