Vortrag von Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl (Bad Nauheim):
Kulturgeschichte des Spazierstocks
„Die Feder ist dem Denken was der Stock dem Gehen“ – Arthur Schopenhauer hat mit diesem Verdikt ein schönes Bild für das Denken gegeben. Aber dem Stock wird er damit nicht gerecht, denn der Spazierstock war ein unerlässliches Werkzeug für das Flanieren des Bürgers seit dem Biedermeier. Auch Arthur Schopenhauer, der 30 Jahre hindurch Frankfurt durchstreift hat, tat das nie ohne seinen Spazierstock. Der Lichtbildervortrag beleuchtet die Kulturgeschichte des Spazierstockes und seine Verwendung. Schopenhauers Spazierstock wird ebenso zu sehen sein, wie der von Christoph Martin Wieland und eine Reihe anderer, besonderer Stöcke.
Arthur Schopenhauer mit seinem Pudel „Butz“ und Spazierstock (1870). – Zeichnung von Wilhelm Busch (1832-1908) |
Die große Zeit der Spazier- und Flanierstöcke begann im Biedermeier, allgegenwärtig waren sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Wenn das Herrchen von Bauschan in Thomas Manns kleiner Erzählung „Herr und Hund“ zum „städtischen Stock“ greift, weiß Bauschan, dass für diesmal alles verloren ist und dass es kein Jagen in Wald und Feld für ihn mit seinem Herrn geben wird.
Dabei konnte und kann kein Hund die Kunstfertigkeit ermessen, die bei der Formgebung, Gestaltung und Produktion von Spazierstöcken notwendig war und aufgewendet worden ist. Leider wissen das heute auch nur noch wenige Menschen, denn die Zeit der Spazierstöcke endete zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seither sind es die Sammler und die Museen, die sie als Kulturgut bewahren.
Und zu Schopenhauers Spazierstock gibt es noch eine Geschichte:
Wo ist er hin? Ein Krückstock aus Schopenhauers Besitz ist verschwunden. Der als Hellseher berühmte Jan Eric Hanussen hielt ihn im Dezember 1932 in Händen, ohne es zu wissen, ja ohne es zu merken, wo er doch ein Hellseher sein wollte! Der Stock begleitete den Schriftsteller und Philosophen Theodor Lessing über zwanzig Jahre und er befand sich vermutlich in seiner Wohnung, als Lessing im Sommer 1933 in seinem Arbeitszimmer in Marienbad erschossen wurde. Obschon der Spazierstock zu einer Art Staatsgeschenk für den ersten Präsidenten der Tschechoslowakei wurde, verliert sich seine Spur schließlich in Böhmen an der Moldau, im Schloss Nelahozeves (dt. Mühlhausen), das nun wieder der Fürstenfamilie Lobkowitz gehört. Dazwischen liegt ein abenteuerlicher Weg mit eigenartigen Menschen, liegen Weltreisen, Gewalt und Blutvergießen, eigentümliche Leidenschaften, Liebschaften und Verrücktheiten, die bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts reichen. Diese Geschichte sollte aufgearbeitet werden. Einen Ausschnitt daraus bietet der Vortrag. Er bettet diese Stockgeschichte ein in eine kurzweilige Kulturgeschichte des Spazierstocks.
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Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl studierte in Frankfurt Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Von 2000 bis 2005 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Flurnamenarchiv der Justus-Liebig-Universität Gießen und unterrichtete mittelalterliche Sprache und Literatur. Seit dem 1. März 2018 ist sie Direktionsassistentin im Freien Deutschen Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum.
Die Veranstaltung findet statt am Montag, den 15. Juni 2026 um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Turmstraße 20.
